Ber­lin – 27.06.2017: Die am Frei­tag von den Koali­ti­ons­frak­tio­nen ver­kün­de­te Eini­gung über das Netz­werk­durch­set­zungs­ge­setz (Netz­DG) beinhal­tet nach Ansicht des hin­ter der Dekla­ra­ti­on für Mei­nungs­frei­heit ste­hen­den Bünd­nis­ses wei­ter­hin ekla­tan­te Män­gel und wird die Mei­nungs­frei­heit ein­schrän­ken. Das hin­ter der Dekla­ra­ti­on für Mei­nungs­frei­heit ste­hen­de Bünd­nis mit zahl­rei­chen zivil­ge­sell­schaft­li­chen Orga­ni­sa­tio­nen, Ver­bän­den und Rechts­ex­per­ten rich­tet einen letz­ten Appell an die Gro­ße Koali­ti­on, das frag­wür­di­ge Netz­DG mit Aus­nah­me der Pflicht zu inlän­di­schen Zustel­lungs­be­voll­mäch­tig­ten nicht zu ver­ab­schie­den.

Die Gro­ße Koali­ti­on hat auf den letz­ten Metern die­ser Legis­la­tur­pe­ri­ode eige­nen Anga­ben zufol­ge eine Eini­gung erzielt. Die­se nimmt ein­zel­ne Aspek­te der in den ver­gan­ge­nen Wochen geäu­ßer­ten Kri­tik am Gesetz­ent­wurf auf. Posi­tiv zu bewer­ten ist zum Bei­spiel die Ein­füh­rung der Mög­lich­keit einer Co- und Selbst­re­gu­lie­rung, mit der die nega­ti­ven Fol­gen für die Mei­nungs­frei­heit im Netz abge­mil­dert wer­den sol­len. Es zeigt sich jedoch, dass die Kür­ze der Zeit in der lau­fen­den Legis­la­tur­pe­ri­ode nicht aus­reicht, um einen schlüs­si­gen und ver­fas­sungs­kon­for­men Gesetz­ent­wurf aus­zu­ar­bei­ten.  Die prak­ti­schen und ver­fas­sungs­recht­li­chen Pro­ble­me, die das Jus­tiz­mi­nis­te­ri­um in zwei Jah­ren nicht auf­lö­sen konn­te und die an der Kri­tik im vor zwei Mona­ten ver­öf­fent­lich­ten Netz­DG-Ent­wurf kul­mi­nier­ten, sol­len nun inner­halb weni­ger Tage gelöst wor­den sein? Das hin­ter der “Dekla­ra­ti­on für Mei­nungs­frei­heit” ste­hen­de Bünd­nis sagt “Nein!” und ver­öf­fent­licht den genau­en Wort­laut des Eini­gungs­vor­schlags, über den am Diens­tag im Rechts­aus­schuss des Deut­schen Bun­des­ta­ges abge­stimmt wer­den soll.

“Diens­te­an­bie­ter soll­ten nicht mit der staat­li­chen Auf­ga­be betraut wer­den, Ent­schei­dun­gen über die Recht­mä­ßig­keit von Inhal­ten zu tref­fen”, so hat es bereits im April in der Dekla­ra­ti­on für Mei­nungs­frei­heit gehei­ßen. Doch das Netz­DG ist durch den Koali­ti­ons­kom­pro­miss in sei­nem Grund­satz nicht ver­än­dert wor­den: Sozia­le Netz­wer­ke müs­sen “einen offen­sicht­lich rechts­wid­ri­gen Inhalt inner­halb von 24 Stun­den nach Ein­gang” einer Beschwer­de ent­fer­nen oder den Zugang zu ihm sper­ren. Eine genaue­re Erklä­rung, was “offen­sicht­lich” rechts­wid­ri­ge Inhal­te sind, lie­fert auch der Koali­ti­ons­kom­pro­miss nicht. Die Ein­rich­tung einer regu­lier­ten Selbst­re­gu­lie­rung für “nicht offen­sicht­lich” rechts­wid­ri­ge Inhal­te soll nach Koali­ti­ons­an­ga­ben die Gefahr des “Over­blo­cking” ver­hin­dern. Mit Blick auf den Grund­satz der Staats­frei­heit der Medi­en (Art. 5 Abs. 1 Satz 2 GG, Art. 11 GRC, Art. 10 EMRK) ist es ver­fas­sungs­recht­lich bedenk­lich, dem Bun­des­amt für Jus­tiz die Auf­sicht über die Selbst­kon­troll­ein­rich­tun­gen zu über­tra­gen. Dar­über hin­aus hat die regu­lier­te Selbst­re­gu­lie­rung in dem neu­en Ent­wurf eine Ein­schrän­kung erfah­ren, wel­che die Mei­nungs­frei­heit in Deutsch­land emp­find­lich ver­kür­zen wird:

“Wenn sozia­le Netz­wer­ke Ent­schei­dun­gen zum Ent­fer­nen oder Sper­ren an die [Regu­lier­te Selbst­re­gu­lie­rung] abge­ben, obwohl die Vor­aus­set­zun­gen hier­für nicht gege­ben sind, z. B. bei offen­sicht­li­cher Rechts­wid­rig­keit des Inhalts [,so kann dies] Grund­la­ge für ein Buß­geld“ sein.

Sozia­le Netz­wer­ke wer­den also wei­ter­hin wegen der dro­hen­den Gefahr von hohen Buß­gel­dern und unkla­ren Rechts­be­grif­fen ange­hal­ten sein, Inhal­te im Zwei­fel zu löschen. Die­ses Gesetz stellt nicht sicher, dass der Aus­gleich ver­fas­sungs­recht­lich geschütz­ter Inter­es­sen her­ge­stellt wird. Nach wie vor birgt es daher die Gefahr, sich belas­tend auf die Mei­nungs­frei­heit im Netz aus­zu­wir­ken.

Das hin­ter der Dekla­ra­ti­on für Mei­nungs­frei­heit ste­hen­de Bünd­nis appel­liert an die Abge­ord­ne­ten des Deut­schen Bun­des­tags und bit­tet sie, die­sen Geset­zes­vor­schlag abzu­leh­nen. Für sinn­voll hal­ten wir ledig­lich gesetz­ge­be­ri­sche Ansät­ze wie die inlän­di­schen Kon­takt­stel­len (§ 5 Abs. 1 und 2 NetzDG‑E) sowie den die­se flan­kie­ren­den Buß­geld-Tat­be­stand, die auch unab­hän­gig vom Netz­DG wei­ter­ver­folgt wer­den kön­nen.

Für die Alli­anz für Mei­nungs­frei­heit:

  • Ama­deu Anto­nio Stif­tung
  • Arbeits­kreis Zen­sur
  • Bit­kom – Bun­des­ver­band Infor­ma­ti­ons­wirt­schaft, Tele­kom­mu­ni­ka­ti­on und neue Medi­en e.V.
  • BIU – Bun­des­ver­band Inter­ak­ti­ve Unter­hal­tungs­soft­ware e.V.
  • Bun­des­ver­band Deut­sche Star­tups e.V.
  • Bun­des­ver­band Digi­ta­le Wirt­schaft (BVDW) e.V.
  • Bun­des­ver­band IT-Mit­tel­stand e. V. (BIT­Mi)
  • Cha­os Com­pu­ter Club e. V.
  • D64 – Zen­trum für digi­ta­len Fort­schritt e.V.
  • Deut­scher Anwalts­ver­ein e.V.
  • Digi­ta­le Gesell­schaft e. V.
  • DPV – Deut­scher Pres­se Ver­band, Ver­band für Jour­na­lis­ten e.V.
  • eco – Ver­band der Inter­net­wirt­schaft e.V.
  • FITUG – För­der­ver­ein Infor­ma­ti­ons­tech­nik und Gesell­schaft e.V.
  • FIfF – Forum Infor­ma­ti­ke­rin­nen für Frie­den und gesell­schaft­li­che Ver­ant­wor­tung e.V.
  • Frei­wil­li­ge Selbst­kon­trol­le Mul­ti­me­dia-Diens­te­an­bie­ter e.V. (FSM)
  • Gesell­schaft für Infor­ma­tik
  • GMK, Gesell­schaft für Medi­en­päd­ago­gik und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­kul­tur
  • HDE, Han­dels­ver­band Deutsch­land
  • Inter­net Socie­ty, Ger­man Chap­ter (ISOC.DE) e.V.
  • LOAD e.V. – Ver­ein für libe­ra­le Netz­po­li­tik
  • Open Know­ledge Foun­da­ti­on
  • Repor­ter ohne Gren­zen e. V.
  • Ver­brau­cher­zen­tra­le Sach­sen
  • Wiki­me­dia Deutsch­land e.V.
  • Ulf Buer­mey­er, LL.M., Vor­sit­zen­der der Gesell­schaft für Frei­heits­rech­te (GFF)
  • Fre­de­rik Fer­reau, Wis­sen­schaft­li­cher Mit­ar­bei­ter, Uni­ver­si­tät zu Köln
  • Dr. Huber­tus Gers­dorf, Rechts­wis­sen­schaft­ler
  • Jörg Heid­rich, Rechts­an­walt Prof. Dr. Jea­net­te Hof­mann, Poli­tik­wis­sen­schaft­le­rin
  • Dr. Tho­mas Hoe­ren, Rechts­wis­sen­schaft­ler
  • Jan Möni­kes, Rechts­an­walt
  • Dr. Dr. h.c. Ingolf Per­ni­ce, Rechts­wis­sen­schaft­ler
  • Ste­phan Schmidt, Rechts­an­walt

Wei­ter­füh­ren­de Infor­ma­tio­nen und Kri­tik­punk­te, die zuletzt geäu­ßert wur­den

Seit Ver­öf­fent­li­chung des Ent­wur­fes wur­den zahl­rei­che wei­te­re Stel­lung­nah­men und Gut­ach­ten ver­öf­fent­licht, die unse­re Beden­ken unter­stüt­zen und unter­strei­chen.

UN-Son­der­be­richt­erstat­ter David Kaye[1] äußert in sei­ner Stel­lung­na­me Beden­ken in Hin­blick auf die Unbe­stimmt­heit des Gesetz­ent­wurfs, die Gefahr von Over­blo­cking durch dro­hen­de Straf­ge­büh­ren. Vor allem aber hebt er die Gefah­ren, die der Gesetz­ent­wurf für Mei­nungs­frei­heit und Pri­vat­sphä­re dar­stellt, her­vor und stellt in Fra­ge, ob die vor­ge­schla­ge­nen Rege­lun­gen mit inter­na­tio­na­lem Men­schen­recht ver­ein­bar sind.

Das Insti­tut für Informations‑, Tele­kom­mu­ni­ka­ti­ons- und Medi­en­recht der West­fä­li­schen Wil­helms-Uni­ver­si­tät Müns­ter unter der Lei­tung von Prof. Dr. Bernd Holz­na­gel, LL.M. hat im Auf­trag des Beauf­trag­ten der Orga­ni­sa­ti­on für Sicher­heit und Zusam­men­ar­beit in Euro­pa (OSZE) für die Frei­heit der Medi­en eben­falls eine gut­ach­ter­li­che Stel­lung­nah­me zum Gesetz­ent­wurf ver­fasst.[2] Auch wenn die­se grund­sätz­lich die Her­an­ge­hens­wei­se begrüßt, so weist es den­noch auf zahl­rei­che pro­ble­ma­ti­sche Aspek­te wie die begriff­li­che Vag­heit, die zu kur­zen Fris­ten für eine ange­mes­se­ne Prü­fung, die Fra­ge der juris­ti­schen Zustän­dig­keit sowie die Gefah­ren für die Mei­nungs­frei­heit durch das Risi­ko des Over­blo­ckings.

Nicht zuletzt hat sich auch der Wis­sen­schaft­li­che Dienst des Bun­des­ta­ges mit dem Gesetz­ent­wurf aus­ein­an­der­ge­setzt und zwei Aus­ar­bei­tun­gen dazu ver­öf­fent­licht, die sich einer­seits auf euro­pa­recht­li­cher Ebe­ne mit der Ver­ein­bar­keit mit dem Her­kunfts­land­prin­zip[3] sowie ande­rer­seits mit der Ver­ein­bar­keit mit der Mei­nungs­frei­heit[4] aus­ein­an­der­set­zen. Die­se kom­men zu dem Schluss, dass der NetzDG‑E nicht ver­ein­bar ist mit der E‑Commerce Richt­li­nie auf EU-Ebe­ne sowie dass die­ser einen Ein­griff in das Grund­recht der Mei­nungs­frei­heit dar­stellt.


 

[1]
http://www.ohchr.org/Documents/Issues/Opinion/Legislation/OL-DEU‑1–2017.pdf,
ver­öf­fent­licht 1. Juni 2017

[2]
http://www.uni-muenster.de/Jura.tkr/oer/files/pdf/Holznagel_FINAL_OSCE_NEA_Review_201705010_19Uhr%20(2).pdf,
ver­öf­fent­licht 10. Mai 2017

[3]
http://www.bundestag.de/blob/510384/c5bdf3939cf1a4529d2f7abf11065ee5/pe‑6–032-17-pdf-data.pdf,
ver­öf­fent­licht 29. Mai 2017

[4]
http://www.bundestag.de/blob/510514/eefb7cf92dee88ec74ce8e796e9bc25c/wd-10–037-17-pdf-data.pdf,
ver­öf­fent­licht 12. Juni 2017