Eines der media­len Groß­ereig­nis­se des Jah­res 2009 war der „Fall Tauss“: Jörg Tauss, lang­jäh­ri­ger SPD-Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­ter und wenn nicht Deutsch­lands ers­ter, so doch renom­mier­tes­ter „Netz­po­li­ti­ker“, geriet mit­ten in der poli­ti­schen Aus­ein­an­der­set­zung um die Websper­ren-Initia­ti­ve der dama­li­gen Bun­des­fa­mi­li­en­mi­nis­te­rin Ursu­la von der Ley­en (CDU) Anfang März 2009 in den Ver­dacht, sich Kin­der­por­no­gra­phie ver­schafft zu haben. Noch wäh­rend der lau­fen­den Durch­su­chung sei­ner Büro- und Pri­vat­räu­me berich­te­ten die Medi­en bereits unge­wöhn­lich umfang­reich und wohl infor­miert von den Ermitt­lun­gen. Tauss trat direkt danach von allen Ämtern zurück und erklär­te spä­ter auch sei­nen Ver­zicht auf einen siche­ren Lis­ten­platz.

Unge­ach­tet des­sen wur­de in den dar­auf­fol­gen­den Tagen und Wochen bis kurz vor der Bun­des­tags­wahl das öffent­li­che Inter­es­se an den Ermitt­lun­gen ganz gezielt beför­dert. Beson­ders der für die Pres­se­ar­beit ver­ant­wort­li­che Ober­staats­an­walt in Karls­ru­he, aber auch der Vor­sit­zen­de des Immu­ni­täts­aus­schuss des Bun­des­ta­ges, sahen sich dar­auf­hin der Kri­tik aus­ge­setzt, an einer „media­len Insze­nie­rung“ der Ermitt­lun­gen gegen Tauss mit­zu­wir­ken. In der Fol­ge ergab sich wegen der Par­al­le­li­tä­ten wei­te­rer Fäl­le eine sehr (selbst-) kri­ti­sche Dis­kus­si­on der Medi­en über die Gren­zen der Bericht­erstat­tung bei Ver­däch­ti­gun­gen von Pro­mi­nen­ten und der „Öffent­lich­keits­ar­beit“ von Ermitt­lungs­be­hör­den. Im Ergeb­nis änder­ten die­se Refle­xio­nen jedoch nichts: Die Karls­ru­her Staats­an­walt­schaft beglei­te­te das Ermitt­lungs­ver­fah­ren mit anhal­ten­der öffent­li­cher Mit­tei­lungs­freu­de. Den dadurch ent­stan­de­nen Ein­druck einer öffent­li­chen Vor­ver­ur­tei­lung in den Medi­en bestä­tig­te sie schließ­lich sogar selbst. Ein Plä­doy­er gegen eine für Ver­tei­di­gung und den Rechts­staat glei­cher­ma­ßen uner­träg­li­che Situa­ti­on.

Auf­satz – Die Wahr­neh­mung schlägt die Fak­ten mit dem Aus­zug von Dr. Gre­gor Wett­berg und Jan Möni­kes aus dem Sam­mel­band: „Die Öffent­lich­keit als Rich­ter? – Liti­ga­ti­on-PR als neue Metho­de der Rechts­fin­dung“, Her­aus­ge­ge­ben von Prof. Dr. Dr. Vol­ker Boeh­me-Neß­ler, Nomos 2010 – Bestell­bar unter: http://www.nomos-shop.de/productview.aspx?product=12160